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Swiss International Mountain Marathon 2018 – Orientieren für Gemsen

So allmählich hat es sich auch bei uns – Bettina, Henrik und Andreas – eingeschlichen, Urlaube um Orientierungslauf-Events herum zu planen. Intensiver kann man eine Landschaft schließlich kaum kennenlernen. Diesen Sommer machten wir uns erstmals auf in die Schweiz, nach Emmetten am Vierwaldstättersee. Kurzfristig war der „Swiss International Mountain Marathon“, kurz theSIMM, dorthin verlegt worden. Der eindrucksvolle Name war ein Vorgeschmack auf die für uns Flachländer ebenso eindrucksvolle Bergkulisse der nördlichen Urner Alpen.

Bei dem „Mountain-Marathon”-Format, und so auch dem SIMM, handelt es sich um einen Lauf für Zweier-Teams über zwei Tage, nachts wird biwakiert. Die Biwak-Ausrüstung und Verpflegung muss man mitschleppen. „Mountain Marathon“-Veranstaltungen nach dem gleichen Konzept werden auch von anderen Veranstaltern in anderen Regionen organisiert, auch auf den britischen Inseln, woher die Idee kommt, und mittlerweile auch auf Island oder in Japan (OMM, mountainmarathon.com).

Man kann beim SIMM wahlweise einen klassischer Orientierungslauf, einen Score oder eine Art Traillauf absolvieren. Der Orientierungslauf wurde als „strong“- (45 km Luftlinie, 4400 Höhenmeter, 38 Posten) und „light”-Variante (30.3 km, schlappe 2900 m, 29 P.) angeboten. Henrik und ich hatten uns für die „light“-Variante entschieden, Bettina für einen Helfereinsatz. Dank unseres SIMM-erfahrenen IHW-Abteilungsleiters hatten wir eine einigermaßen tragbare Biwakausrüstung zusammenbekommen. Die Karte – ein 1:25.000 Messtischblatt – hatten wir tags zuvor abgeholt, und so ausgerüstet ging es am Tag nach unserer Ankunft frohgemut zum Start an der Stockhütte.

Nach dem Signal zum Massenstart erhielt man einen Zettel mit Koordinaten und Beschreibungen der Posten, und so durfte man erst einmal die Postenstandorte selbst ausmessen und einzeichnen. (Ein Geodreieck hätte gute Dienste geleistet.) Dann ging es, teils im Trab, auf den oft steilen Passagen eher in schnellem Schritt auf die Bahn. Die ersten paar Posten waren leicht zu finden, wenn auch die stark ansteigenden oder abfallenden, vom Viehtritt feinkupierten Grashänge schwer belaufbar waren. Bei Nässe wären Dobb-Spikes dringend angeraten gewesen, doch wir hatten freundliches Wetter und nur einige wenige wolkenverhangene Stellen. Nach einem steilen Anstieg zur Oberbauen-Nordwand, die den Oberbauenstock mit dem Schwalmis verbindet und zu überwinden war, lagen wir noch in einer guten Position. Doch dann standen wir Flachland-OLer, die richtige Berge seit vielen Jahren nur im Fernsehen gesehen hatten, konsterniert vor dem einzigen gangbaren Weg zum Posten hinter dem Grat, oberhalb der Wand – der sich als als ausgesetzte alpine Route die Felswand hoch mit Kletterpassagen entpuppte. Für Gemsen und einen geübten Schweizer Bergläufer wahrscheinlich kein Problem. Aber als nicht komplett schwindelfreie Feld-, Wald- und Wiesen-Läufer, die erst einen Tag zuvor mal wieder Bergluft geschnuppert hatten, erschien uns das Risiko zu groß. Ein Umlaufen war nicht möglich. Was soll's, zurück, noch ein paar erreichbare Posten mitgenommen, konnten wir uns nach gut sechs Stunden dann auf dem Biwakplatz dafür noch ein schönes Plätzchen aussuchen.

Die Nacht war freundlich, nach dem Jagdstart am nächsten Morgen erwies sich die Bahn des nächsten Tages als klettertechnisch weniger anspruchsvoll und auch für den lediglich in Brandenburger Endmoränen geübten Läufer mit einiger Mühe bewältigbar. Dafür war die Strecke länger und waren einige Posten aufgrund fehlender Feinorientierungsmöglichkeiten nur nach Suche auffindbar. Bei heißem Wetter reichten die mitgeführten 4l Wasser nicht lange. Ein gewaltiger Muskelkater vom Vortag steckte in den Oberschenkelstreckern und machte jeden Schritt im teils sehr steilen Gelände zur Tortur, und so war der zweite Tag letztlich phyisch fordernder als der erste, war nur noch Wandertempo möglich. Es wurden 8 1/2 Stunden, bis wir schließlich das Ziel in Emmetten erreichten – womit wir noch lange nicht die Letzten waren. In der „strong“-Kategorie schafften es schlussendlich nur zwei Teams, die Strecke komplett zu bewältigen, auch in der „light“-Variante gaben viele auf.

Damit war ein orientierungstechnisch gut machbarer aber dafür, auch laut Veranstalter, diesmal physisch um so fordernder Lauf zu Ende gegangen, der uns, ja, viel Spaß gemacht hat und in guter Erinnerung bleiben wird. Der Veranstalter hat versprochen, es nächstes Jahr wieder etwas ruhiger angehen zu lassen. Ist man noch dazu schlauer als wir, legt den Lauf ans Ende seines Schweizaufenthaltes und gewöhnt sich vorher an ausgesetzte, heikle Höhen, dann sollte der SIMM auch für einfache Berliner-OLer komplett machbar sein. Wer weiß, vielleicht ein anderes Mal …

-- Andreas

 

Bild 1, links: Messtischblatt, Gebiete mit Hütehunden, Mutterkühen und sonstigen Bergmonstern sind zu markieren

Bild 2, Mitte: vor dem Start an der Stockhütte

Bild 3, rechts: nach dem Startschuss muss man erst einmal Posten einzeichnen

Bild 4, links: Wand und Grat zwischen Oberbauen (links) und Schwalmis (rechts, nicht im Bild), Tag 1 war praktisch eine Runde Richtung Oberbauen, die Wand hoch hinter den Grat und um den Schwalmis herum wieder zurück

Bild 5, Mitte: Berliner Endmoränenläufer unterhalb der Wand

Bild 6, rechts: dort in der Nähe harrte Bettina im Nebel an einem Funkposten der Kundschaft

Bild 7, links: im Biwak

Bild 8, Mitte: grandioser Einzug in Emmetten am Ende von Tag 2